„Wir haben Freiheit der Forschung, aber wir haben keine Freiheit zu fälschen“
hrss-Interview mit Prof. Dr. Dr. h.c. Ulrike Beisiegel, DFG-Obman
Immer wieder tauchen Fälle wissenschaftlichen Fehlverhaltens sowohl
in den Natur- als auch den Sozialwissenschaften auf. Die Verfahren der
Qualitätssicherung von Wissenschaft sind jüngst durch den Fall Hwang
wieder vermehrt diskutiert worden. Prof. Ulrike Beisiegel, Direktorin
des Instituts Biochemie und Molekularbiologie am Universitätsklinikum
Hamburg-Eppendorf und Mitglied des Wissenschaftrates,ist als Sprecherin
des DFG-Ombudsman mit den Problemen von Review-Verfahren, guter
wissenschaftlicher Praxis und den Grundlagen des „Systems Wissenschaft“
täglich befasst. Sie beantwortet die Fragen von Claudia Landwehr
und Kolja Raube.
hrss: Im Zusammenhang mit dem Fall Hwang sind kürzlich mit Nature und Science zwei renommierte Fachzeitschriften in die Kritik geraten, weil sie gefälschte Forschungsergebnisse publiziert haben. Welche Verantwortung tragen in so einem Fall die Gutachter und die Herausgeber eines Journals?
Beisiegel: Die Verantwortung der Herausgeber ist natürlich, sich sehr gute und bewusste Gutachter zu suchen, und die Gutachter im Zweifelsfalle, und das gilt besonders für Zeitschriften wie Nature und Science, auf die besonders kritische Betrachtung der Manuskripte mit innovativen und bahnbrechenden Daten hinzuweisen. Diese Verantwortung, die Gutachter noch besser auszuwählen und ihnen die Relevanz ihrer Entscheidung ins Bewusstsein zu rufen, ist etwas, was die Herausgeber noch stärker betonen sollten, als sie es bis jetzt bereits tun. Inwieweit die Gutachter auch eine Rolle übernehmen können, die über die Begutachtung hinaus, auch eine Art Prüfung beinhaltet, ist natürlich die Frage. Ich denke, wenn man besonders bahnbrechenden Ergebnisse in einem Manuskript sieht, dann sollte man durchaus überlegen, ob man nicht einzelne Gutachter, sondern eine Gutachtergruppe beauftragt. Das heißt, dass man z.B. drei Gutachter zusammen holt und sich über das Manuskript austauschen lässt. Die könnten dann auch sagen: wir sehen hier wirklich ein Problem, und dezidiert nachfragen oder prüfen.
Welche Unterschiede gibt es in dieser Hinsicht zwischen Naturwissenschaften und Sozialwissenschaften?
Für die Kontrolle in den Geisteswissenschaften, bzw. alle schreibenden Wissenschaften, gibt es jetzt Plagiatsprogramme, mit denen man eine Menge machen kann. Bei den Naturwissenschaften, gerade in den Biowissenschaften, ist es jedoch schwieriger, weil die Reproduzierbarkeit der Ergebnisse ein großes Problem ist. Insofern ist es auch für die Zeitschriften oder Herausgeber schwierig, die Richtigkeit der Daten zu überprüfen. Was bei allen diesen Fragen im Kern dahinter steht, ist natürlich vor allem das Zeitproblem- und die notwendige Entschleunigung. Wir können nicht jeden Tag immer mehr Publikationen hinauspusten, weil wir weder mehr Gutachter haben, noch die Qualität gewinnt. Die Zeit reicht einfach nicht aus, um diese Vielzahl von Begutachtungsverfahren ‚sauber’ durchzuführen. Die Zeitschriften sind natürlich auch scharf darauf, Artikel zu bekommen, die im Fokus des öffentlichen Interesses stehen. Stammzellen, Gentherapie, solche „sexy“ Themen – und bei denen muss man besonders aufpassen.
Es werden immer mehr Artikel produziert und publiziert. Wie groß sind in so einer Situation die Schwierigkeiten, Gutachter zu rekrutieren?
Die Frage ist doch zunächst: wer soll das alles lesen? Sie haben zwar den Computer, der immer mehr und immer schneller produzieren und publizieren kann, aber deshalb kann ich als Wissenschaftlerin das doch nicht alles lesen. Im Internet können wir ja beliebig viele Journals machen, und es kostet noch nicht einmal viel Geld. Aber wer soll die lesen?
„Im Internet können wir beliebig viele Journals haben. Aber wer soll das alles lesen?“
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Nehmen sich Gutachter genug Zeit, und wie kann man sicherstellen, dass Gutachter tatsächlich qualifiziert sind?
Bei der Qualifikation von Gutachtern wird meistens danach gegangen, dass der oder die Ausgewählte auf diesem Gebiet einige gute bis sehr gute Publikationen hat, also in der jeweiligen ‚Scientific Community’ anerkannt ist. Das Qualitätsmerkmal ist also, ob jemand auch etwas zum Thema gemacht hat. Es ist aber ein rein wissenschaftliches Merkmal, man weiß also noch nicht, ob derjenige sich auch tatsächlich Zeit nimmt, ob es jemand ist, der seine Konkurrenten ‚runtermacht’, oder jemand, der fair ist – so etwas weiß man natürlich noch nicht. Die Zeitfrage ist allerdings ein wirkliches Problem, auch für die Leute, die ihre Aufgabe sehr ernst nehmen, die sich ihrer Verantwortung bewusst sind. Die Zahl der Gutachter ist begrenzt und die Zahl der Journale steigt. Also kommt auf jeden immer mehr zu. Wenn man zwei oder drei Gutachten pro Woche machen soll, wird das ein echtes Problem. Denn wenn man ein Gutachten sorgfältig machen will, braucht man mindestens vier Stunden: man muss die Abbildungen verstehen, kontrollieren, darüber nachdenken. Für zwei Gutachten braucht man also schon einen ganzen Arbeitstag. Die Zeit ist also ein Riesenproblem, und ich befürchte, dass viele Kollegen sich weniger als vier Stunden Zeit nehmen. Die Gutachter werden auch immer jünger und damit immer unerfahrener. Wenn ein junger Gutachter ein Paper von irgendeinem „Papst“ erhält, wird er einen Teufel tun, das zu kritisieren. Er wird dann einfach seine Kritikfähigkeit verlieren.
Wie viel tragen Gutachterverfahren im Vergleich zur klassischen Redaktionszeitschrift überhaupt zur Qualitätssicherung in der Wissenschaft bei?
Wir sehen ja immer nur die Fälle, wo Gutachter versagen. Die anderen 80 bis 90 Prozent, wo Gutachter nicht versagen, wo sie auch feststellen, dass etwas nicht richtig ist oder anders gemacht werden muss, die sehen wir nicht. Peer-Review ist absolut notwendig zur Qualitätskontrolle und sollte auch in den Geisteswissenschaften verstärkt eingeführt werden. Nur muss man den Gutachtern Zeit geben, man darf nicht zu viel publizieren, und man muss Anonymität gewährleisten, auf beiden Seiten. Allerdings ist das Peer-Review in den Gesellschaftswissenschaften auch noch schwieriger als in den Naturwissenschaften. Da spielen viel mehr Strömungen und politische Fragen eine Rolle. Bei uns Naturwissenschaftlern geht es allenfalls darum, ob jemand ein Konkurrent ist oder nicht, aber dort stehen oft weltanschauliche Fragen dahinter. Das erklärt auch, warum das Peer-Review bei uns wesentlich schneller eingeführt wurde und auch besser laufen kann als in den Geisteswissenschaften. Da muss man noch viel kritischer sein mit der Auswahl der Gutachter.
Was können solche Verfahren dazu beitragen, Fälschungen und Plagiate zu verhindern?
Da kann man nicht erst bei den Gutachtern und Herausgebern anfangen. Da kommt es primär darauf an, dass die Struktur in den wissenschaftlichen Arbeitgruppen eine gegenseitige Kontrolle ermöglicht. Man braucht eine gesunde Infrastruktur für die Forschung mit einer überschaubaren Gruppengröße, transparenter Arbeit und einer guten Kommunikationsstruktur, das ist das Allerwichtigste. Gleichzeitig sollte man solche Themen auch in die Studiengänge aufnehmen. Und dann sollte der Chef, oder SeniorAutor, der ja für die Publikation verantwortlich ist, sich vor der Publikation die Originalunterlagen angucken, was auch nicht immer passiert. Erst die nächste Stufe ist dann die, dass die Gutachter genügend Zeit haben sollten, sich alles genau anzugucken. Da könnte man mit genügend Zeit auch eine Menge aufdecken. Und als letzte Stufe sollten die Herausgeber, etwa bei Nature und Science, auch Computerprogramme haben, mit denen sie Fälschungen technisch aufdecken können. Die ersten beiden Stufen halte ich allerdings für die wichtigeren.
Führt die Bedeutungszunahme internationaler Publikationen nicht unter Umständen zu einem System des Wettbewerbs, das Anreize zu wissenschaftlichem Fehlverhalten eher erhöht als reduziert?
Jedes leistungsorientierte System schafft Konkurrenz und damit auch Druck. Ich denke aber, dass das durchaus gerechtfertigt ist. Wenn man Professor an der Uni bleiben will oder werden will, muss man einfach bestimmte Leistungen erbringen, man muss konkurrenzfähig sein und zeigen, dass die Leistung, die man bringt, in irgendeiner Weise international vergleichbar und anerkannt ist. Natürlich kann der Druck, der dabei erzeugt wird, zu Fälschungen führen. Wir werden am Ende jedoch hoffentlich erleben, dass weniger publiziert wird, die Ablehnungen also mehr werden, und dadurch natürlich auch der Druck höher wird. Aber man muss ja zur Leistungskontrolle nicht nur die Zahl der Paper oder die Impact-Faktoren nehmen. Man kann Arbeiten in einer Evaluation ja auch prüfen, ohne dass sie publiziert sind. Da kann man feststellen, dass jemand sauber gearbeitet hat, gut erhoben und ausgewertet hat, seine Arbeit aber möglicherweise nicht international publiziert bekommen hat, weil es zum Beispiel eine rein deutsche Frage ohne internationale Bedeutung ist, oder weil sie einfach gegen den Trend geht. Diese Leistung kann man, etwa als Berufungskommittee, trotzdem bewerten. Die Tendenz sollte dahin gehen, Publikationen auch zu lesen, statt nur zu zählen. Der Druck wird aber ohne Frage stärker, gerade für jüngere Wissenschaftler. Die Frage ist nur, wie geht man mit diesem Druck um? Fange ich an zu fälschen oder engagiere ich mich in der wissenschaftlichen Gesellschaft für ein gesundes Konkurrenzverhältnis? Denn das ist das Ziel. Schließlich kann es auch nicht gehen, dass wir an unseren Universitäten Professoren sitzen haben, die irgendwann berufen worden sind, aber nicht publizieren, keine guten Ideen haben, keine gute Ausbildung machen. Es kann nicht sein, dass der Staat solche Hochschullehrer bezahlt. An den Universitäten haben wir immer noch solche Professoren, die sich einfach in keiner konstruktiven Form mehr einbringen. Das wäre nicht so, wenn wir Konkurrenz hätten und ein Professor auch mal auf seine Leistung hin kontrolliert würde.
Sollten Wissenschaften sich in einem System von Wettbewerb um Quantität oder Qualität befinden?
Als Forscher kann man nicht nach der Quantität gehen. Ein Forscher muss kreativ und innovativ sein. Das ist wie bei einem Künstler. Bei ganz großen Künstlern kann man ja schließlich auch nicht sagen, dass sie zehn Bilder am Tag malen müssen, sondern die müssen gute und kreative Bilder malen. Das ist in der Wissenschaft auch so. Sobald wir beginnen, Wissenschaften quantitative Vorgaben zu machen, eine bestimmte Anzahl von Aufsätzen und Papern pro Jahr, geht das nicht. Innovation, Kreativität und Qualität: Das sind die Kriterien, auf die es ankommt – und nicht Quantität.
„Die Tendenz sollte dahin gehen, Paper auch zu lesen, statt nur zu zählen.“
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Wie leicht es heute, sich mit innovativer Forschung durchzusetzen?
Nicht leicht. Aber auch nicht so schwer. Man muss beharrlich sein. Man muss sich als junger Wissenschaftler darauf einstellen, dass man nicht nur gute Ideen haben und kreativ sein muss, sondern dass man seine eigenen Projekte nachvollziehbar darstellen kann. Und dann muss das ganze zudem in einer angemessenen Form geschehen. Es gibt immer noch Wissenschaftler, die wirklich sehr gut, aber einfach nicht sozialkompatibel sind. Das gehört aber heute einfach dazu. Wenn man richtig gute, innovative Themen hat, dann kann man sich damit durchsetzen!
Ist es ein Vorteil der Online-Journals, dass gefälschte Artikel wie die im Fall Hwang einfach wieder aus den Journals gelöscht werden können, anders als in Printmedien, wo es immer irgendeine Form der Archivierung gibt?
Das ist sicher positiv, wobei es genug Leute gibt, die es sich ausgedruckt hätten. Es wäre aber auch wichtig, einen Platzhalter zu behalten, der zeigt, dass an diesem Punkt ehemals eine Publikation war, die allerdings gefälscht war. Dann sieht man wirklich, wie viele solcher Publikationen zurückgezogen werden. Am Ende sehe ich die Entwicklung zu Online-Journalen vollkommen ‚cool’ – ein Online-Journal muss die gleiche Qualität haben wie jedes andere. Viele von den Online-Journals vertreten allerdings die These, dass man dort einstellen kann, was man will. Das ist das Ende der Wissenschaft! Wie können junge Wissenschaftler dann unterscheiden, ob etwas gut oder schlecht ist? Da brauchen sie eine Menge Erfahrung.
Welche Rolle können Sie als Ombudsman der DFG spielen, um wissenschaftliches Fehlverhalten zu vermeiden oder im Nachhinein zu bestrafen und welche Instanzen sollte es geben, die es vielleicht noch nicht gibt?
Die Prävention bereits unter Studierenden ist unser Ziel – egal, ob ich Soziologie oder Mathematik studiere - Seminare anzubieten, um zu vermitteln, was Qualität in der Wissenschaft, gute wissenschaftliche Praxis und Ethik in der Wissenschaft bedeutet. Das muss es einfach geben, aber es gibt bislang fast gar nichts! Hinzu kommen die beschriebenen Strukturen in den Forschungsgruppe, die präventiv wirken. Außerdem sollte der Ombudsman in der Öffentlichkeit präsent sein, denn nur dann wird er auch angerufen. Die ‚Bestrafung’ ist dann eine andere Sache. Aber wir können natürlich vermitteln, von jemand gegen die gute wissenschaftliche Praxis verstoßen hat, z.B. Errata erreichen, wenn ein Autor weggelassen wurde. Für Sanktionen sind entsprechende Kommissionen der Universitäten oder der DFG zuständig. Die können feststellen ob wissenschaftliches Fehlverhalten vorliegt, und ggf. mit den Universitätsleitungen disziplinarrechtlich Maßnahmen vornehmen, beispielsweise die Person aus der Beamtenposition entlassen oder die DFG kann sie als Gutachter ausschließen oder keine Drittmittelgelder mehr gewähren.
Meinen Sie, dass das ausreicht?
Was es an Sanktionen gibt, ist ausreichend, es muss nur ab und zu auch mal angewandt werden. Gerade Professoren sitzen oft ‚auf sehr hohen Stühlen’ und haben das Gefühl, sie könnten machen, was sie wollen. Die Universitäten tun sich darüber hinaus oft schwer, weil sie sich auf die Freiheit der Forschung berufen. Sicherlich haben wir die Freiheit der Forschung, aber wir haben nicht die Freiheit zu fälschen!